Was die Trauer mit uns machen kann und was sie mit mir macht.

Dass sich die psychische Verfassung auf die körperliche auswirkt ist kein Geheimnis.

Dennoch beschäftigt man sich viel zu wenig damit. Geht viel zu selten in die Tiefe.

Und dann wundert man sich doch. Darüber wie beleidigt der ganze Körper in so ungemütlichen Zeiten ist. Wie viel mehr Aufmerksamkeit er einfordert. Und wie oft man doch zurücktreten muss. Manchmal auch zwei Schritte statt nur einen. Neben den physischen Nebenwirkungen der Trauer gibt es da natürlich die psychischen. Die moralischen und seelischen.

Ich möchte gar nicht so sehr mit Fakten aus der Psychologie oder sonstigen Fachbereichen um mich werfen. Dazu fehlt mir doch das notwendige Wissen. Und das Recht darüber zu schreiben.

Das hier sind lediglich eigene Erfahrungen, in denen sich der ein oder andere sicher wiederfindet.


P S Y C H E


Womit sicherlich viele nach dem Tod eines geliebten Menschen haben zu kämpfen sind Verlustängste.

2020 hatte die Angst leider nicht gemindert, sondern verstärkt. Viel zu viel ist im neuen Jahr dazu gekommen. Vieles, was Erlebtes aufwirbelt. Wunden aufreißt.

So oft habe ich mich dabei erwischt nachzusehen ob der Papa, der Hund oder der Bruder noch lebt.

Habe angefangen zu kontrollieren. Bin nachts ins Zimmer, habe gelauscht ob der Papa noch atmet, den Hund beim Schlafen geweckt, wenn er zu leise war. Sich nicht geregt hatte. Habe früh morgens den Bruder angerufen, wenn er noch nicht zuhause war oder Panik bekommen, wenn ein Anruf von 'Daheim' kam. Rationales Denken schwindet zum Teil vollkommen. Das Kopfkino beginnt die schlimmsten Szenen abzuspielen und nimmt einem oft die Luft zum atmen. Das Kopfkino ist oft laut und grausam. Und vor allem ist es eins: zerstörerisch.


Was sich insbesondere in den letzten Wochen entwickelt hatte ist die Angst vor der Zeit, die Angst zu altern. Jeder Tag muss so effektiv wie möglich genutzt werden, 10.000 Schritte muss der Wochenschnitt der Health-App aufweisen können, jeden Morgen Yoga. "Es ist schon 15 Uhr?" Panik macht sich breit. Was sich erstmal absolut 'normal' und irgendwie ein Stück weit förderlich anhört (Yoga und Spaziergänge? Ist doch wunderbar), ist in Wahrheit hausgemachter Stress. Freizeit-Stress. Wie auch immer man es nennen mag: es kreiert Druck. Gestern wurde ich 25 und ich frage mich seit Wochen, nein Monaten, was man mit 25 so getan haben muss. Wofür nun Zeit ist, die man später nicht mehr haben wird.


Was der Verlustangst sehr ähnlich ist, ist die Sorge und das Kümmern. Das Gefühl der Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen. Nur nicht sich selbst gegenüber. Die unvermeidbare Verantwortung gegenüber mir selbst habe ich recht spät und auf sehr schmerzhaftem Wege anerkennen müssen. Früher oder später muss man sich leider eingestehen, dass man insbesondere in so kräftezehrenden Zeiten die Rolle der Mutter Teresa nicht bewahren kann. Nicht, wenn man vor allem für sich selbst da sein sollte. Und das ist viel leichter gesagt als getan. Wenn dann noch Verlustängste Fäden ziehen, dann ist es schier unmöglich. Das ist sicher auch ein 'positiver' Nebeneffekt meiner Trauerphase. Ein Lerneffekt. Das erste mal habe ich wirklich erkannt wie wichtig es ist in erster Linie für sich selbst zu sorgen. Bevor man es für andere tut. Bis sich das tatsächlich nachhaltig verinnerlicht hat wird sicherlich noch lange Zeit überdauern.


Zurzeit, ein Jahr nach dem Tod meiner Mom und zwei Monate nach dem zweiten Schock, machen sich soziale Ängste besonders stark bemerkbar. Das Bedürfnis allein zu sein ist plötzlich extrem groß. Der Drang Abstand zu nehmen ist stärker denn je. Nicht unbedingt um zu flüchten - sondern einzig und allein der Ruhe wegen. Um das Ganze aus einer notwendigen Distanz zu betrachten und mit einem etwas klarerem Verstand 'zurückkehren' zu können. Die globale Situation hat mir da wenige Tage vor Abflug einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich zog mich in meiner Studienstadt, in meiner momentanen Heimat, meinem Zuhause zurück. Bis der zweite Schicksalsschlag kam und ich für vier Wochen zu meiner Familie fuhr. Seit dieser Zeit fürchte ich mich vor jeder noch so kleinen Begegnungen. Selbst Treffen mit Freunden stellen eine Herausforderung dar. Warum das so ist weiß ich bis dato nicht. Es ist einfach anstrengend.


Stress ist ein sehr weit gefasster Begriff. Es gibt zig Definitionen, verschiedene Formen - Positiven, wie negativen Stress. Was die Trauer angeht, ist man permanent im Stress. Das wage ich mal so zu behaupten. Stress, der aus vielen der genannten Ängsten resultiert. Stress, der aus dem neuen schmerzhaften Ungleichgewicht entsteht. Sich Platz schafft. In allen Ecken der Seele. Und des Körpers. Womit wir schon zum nächsten Abschnitt des Beitrags kommen. Der Physis.



P H Y S I S


Jede einzelne der aufgezählten psychischen Folgen (m)einer Trauer zieht physische mit sich. Das ist klar. Hier möchte ich jedoch viel eher meine persönlichen Erfahrungen aufzählen.

Welche, die sich als besonders präsent herausgestellt hatten.


Da wären z.B. Spannungskopfschmerzen. Ich bin leider ein ziemlicher Spezialist was Spannungskopfschmerzen angeht. Sorgen und Ängste machen sich zu viel Platz, der Stress ist omnipräsent, Schultern und Nacken verkrampfen sich und da sind sie: teils unerträgliche Spannungskopfschmerzen. Gefolgt von Übelkeit und auch der Angst. Die Angst, die die Todesursache meiner Mom zum Inhalt hat. Angst vor der Genetik. Diesen zerstörerischen Gedanken im Hinterkopf führt zu einem schmerzhaften Teufelskreis.


Ich wusste erst nicht ob ich die Aufregung & Nervosität dem psychischen oder physischen Teil zuordnen soll. Da ich diese aber äußerst intensiv und besonders körperlich wahrnehmen musste, habe ich sie schlussendlich bei der Physis eingereiht. Es gab Phasen der Trauer (und die gibt es immer noch), in denen ich eine konstante Aufregung verspürt habe. So als stünde ich vor einer Fahrprüfung. Und das jeden einzelnen Tag. Wer mit Prüfungsängsten Erfahrung hat, der weiß wie anstrengend dieser Zustand ist. Herzklopfen, Herzrasen, innere Hitze, schneller Atem, Druckgefühl auf der Brust sind nur einige der Symptome, die mit Aufregung einhergehen. Im "Normalfall" kann der Körper sich nach einem Ausnahmezustand auch wieder beruhigen. Die Grunderregung reguliert sich auf ein normales Niveau herunter. Man beruhigt sich. Bleibt die Belastung, der Ausnahmezustand bestehen, dann verharrt sie: die Aufregung. Und somit auch die körperlichen Symptome.


Ein Thema, das sich leider schon ewig durch mein Leben zieht sind Unterleibschmerzen. Blasenentzündungen sind ein Teil davon. Der Verlust meiner Mom hatte das ganze auf eine andere Ebene gebracht. Eine, die man mit keinen Tests in der Arztpraxis untersuchen kann. Zig Untersuchungen habe ich über mich ergehen lassen. Hatte mich Anfang des Jahres sogar eine Bauchspieglung unterzogen. Verdacht auf Endometriose. Das muss es sein. Auf jeden Fall. Die Nachricht über einen "gesunden" Unterleib war natürlich eine gute. Die Ungewissheit aber blieb. Ich habe mich also selbst auf die Suche begeben und bin auf eine psychosomatische Erkrankung aufmerksam geworden: Chronische Unterleibschmerzen. Bisher nicht ausreichend erforscht (wie so viele gynäkologische Erkrankungen) und dennoch habe ich einige Quellen gefunden, die mir persönlich Aufschluss geben konnten.


https://pohltherapie.de/behandelbare-beschwerden/unterbauch-und-beckenboden/unterleibsschmerzen-und-psyche.html

https://dgpfg.de/blog/gyne-022016-psychosomatischer-umgang-mit-chronischen-unterleibsschmerzen/



Welche Nebenwirkungen auch immer jemand ertragen muss: Sie kosten Kraft und Energie. Sind anstrengend und schmerzhaft. Und es dauert. Bei jedem ganz individuell.