366 Tage ohne dich

Heute ist es ein Jahr her. Ich wollte den einzelnen Tagen eigentlich keine Bedeutung geben. Weil ich weiß, dass ich an anderen Tagen nicht unbedingt weniger traurig bin. Oder dich weniger vermisse. Der 21.04 oder der 30.04.- Beides Tage, an denen du uns genommen wurdest. Tage, die mit einem traurigen Gesicht im Kalender markiert wurden. Tage, an denen man besonders viele Nachrichten von Verwandten und Freunden erhält. Tage, von denen besondere Aufmerksamkeit erwartet wird. Für mich sind die Tage vor dem 21.04 irgendwie emotionaler gewesen. Trauriger. Frustrierender. Soziale Medien erinnern einen gerne daran wie es an Tagen war, bevor sich alles grundlegend verändert hat. Wie unbeschwert alles gewesen ist. Und man erwischt sich dabei Gedanken zu spinnen wie “Hättest du zu dem Zeitpunkt gewusst...“ und „Wie unwissend unbeschwert du da gelebt hast bevor...“. Diese Tage sind viel schmerzlicher. Nicht die Tage, die an schlimme Bilder erinnern. An traurige Stunden. Sondern die, an denen einen daran erinnert wird, was mal unglaublich schön gewesen ist. Und nun nicht mehr da ist. Endlose WhatsApp Konversationen über verdorbenes Hackfleisch an Karfreitag, dein lustiger Rosé-Pegel, den du an dem Abend hattest, dein Sarkasmus, dein grenzenloser Optimismus, Grimassen-Selfies, Zukunftsschwärmereien über die Enkel, die du alle „versauen“ wirst. Am 21.04.2019 waren die WhatsApp Häkchen plötzlich nicht mehr blau. Ungelesen. Und du irgendwie weg.

Himmel Mom, wenn du wüsstest was alles passiert momentan. Wie verrückt die Welt, das Leben gerade ist. Hättest du an Karfreitag gewusst, was zwei Tage später passieren würde. Hättest du gewusst, wie stark und gleichzeitig gebrochen wir drei durchs Leben gehen. Und wie sehr uns das Jahr 2020 nochmal herausfordern würde. Mit alle seinen Arschloch-Karten im Ärmel. Die +4 UNO Karten des Lebens.


Vor ein paar Tagen saß ich auf der Wiese, direkt an unserem Haus, blicke auf die Berge, die ich früher als goldenen Käfig empfunden habe, auf grün in grün. In der rechten Hand halte ich mein viel zu großes Handy. Ich sitze in der Hocke. Weil stehen zu anstrengend war und hinsetzen ein K.O für meine Blase gewesen wäre. Ich telefoniere mit deinen Herzens-Menschen, die mittlerweile auch meine sind. Wir lachen über die Gemeinheiten und Kuriositäten des Lebens. Jetzt wo es besonders beschissen ist. Ausweglos erscheint. Wir lachen sogar darüber, dass es irgendwie passt wie du gegangen bist. So ganz plötzlich. Kurz fragen wir uns ob man darüber lachen darf. Schnell denke ich „Ja ist es. Denn du hättest es auch.“


Ich trink n Rosé auf dich Mom. Auf die Liebe. Auf‘s Leben.